Lo Graf von Blickensdorf: "Frühstück bis 20 Uhr – da wusste ich: Das ist meine Stadt!"

Berliner Prominente und Persönlichkeiten schreiben exklusiv für die Gendarmenmarkt.de-Kolumne "Mein Berlin" über ihre Erlebnisse, Gefühle und Gedanken in und mit der deutschen Hauptstadt. Diesmal: Lo Graf von Blickensdorf, Törtchen-König, Maler, Autor, Blogger, selbsternannter Blaublüter und Gesamtkunstwerk.
Blickensdorf, geboren 1951, ist das, was man ein Berliner Original nennt. Ursprünglich kommt er aber aus Münster.

Von Lo Graf von Blickensdorf

„Solang noch ‚Untern Linden’ die alten Bäume blüh’n, kann nichts uns überwinden...“ So lautet der Text eines Liedes über Berlin, himmlisch melancholisch und wahrhaftig gesungen von Marlene Dietrich und von keinem Geringeren komponiert als von Walter Kollo.
Als ich in den Siebziger Jahren das erste Mal von meiner Heimatstadt Münster nach Berlin kam, war die Stadt noch geteilt und nur halb so groß wie heute. Es war schon eine merkwürdige Stadt. Es roch überall nach Braunkohle und die Schuhhäuser hatten alle Namen, die etwas mit Geräuschen zu tun hatten: Tack, Leiser, Stiller. Und weil man als Berliner nicht zur Bundeswehr musste, wimmelte die Stadt von Kriegsdienstverweigerern, die aus dem Bundesgebiet hierher gezogen waren. Außerdem gab es Hausbesetzer, skurrile verkrachte Existenzen und erfolglose Künstler, wie ich einer war, die alle hier ihre Nischen gefunden hatten.
An allen Ecken gab es 24-Stunden-Kneipen und in jeder Himmelsrichtung, in die man fuhr, war Osten.
Die Berliner Band Ideal sang „Ich fühl' mich gut – ich steh' auf Berlin…!“ und drückte damit das Lebensgefühl der 80er Jahre aus.
Als ich dann an einem Café in Kreuzberg ein Schild entdeckte, auf dem stand: „Frühstück bis 20 Uhr“, wusste ich: Das ist meine Stadt!
Anfang der 80er Jahre zog ich dann endlich nach Berlin – die Stadt wurde die größte Liebe meines Lebens!
Ich lebte 17 Jahre von einer halben Stelle bei der Stadtzeitung Zitty und als freischaffender Künstler. Wir Künstler lebten ja in Westberlin wie die Made im Speck, denn die Stadt wurde von den Westmächten hochsubventioniert und man erhielt eine Berlinzulage, die umgangssprachlich auch „Zitterprämie“ genannt wurde. Sie diente als Ausgleich für die Unannehmlichkeiten der Insellage Westberlins und sollte insbesondere dem Arbeitskräftemangel im Westteil der Stadt entgegenwirken. Die Berlinzulage war stets steuerfrei und betrug acht Prozent des Bruttogehalts.
Man hatte nämlich Angst, dass die überalterte Bevölkerung eines Tages ausstirbt und die Stadt den Russen zufällt. So gab es viele Schikanen seitens der Russen bzw. der DDR und Chruschtschow sagte einmal: „Westberlin ist das Hühnerauge der Westmächte, auf das man von Zeit zu Zeit kräftig treten muss.“ Doch wir Berliner hielten die Schikanen bei der Ein- und Ausreise und das selbstherrliche Verhalten der DDR-Volkspolizei und den DDR-Grenztruppen auf den Transitstrecken stoisch aus und arrangierten uns mit der Berliner Mauer. Auf den gelegentlichen Fahrten über die Transitstrecke durch die DDR wunderten wir Westler uns immer, dass an den DDR-Autobahnraststätten immer Trabis mit offener Motorhaube standen. Meine Freunde und ich machten immer Witze darüber. Vielleicht war es ja ein geheimes Zeichen, das sagen sollte: „Ich will auch in den Westen!“ Udo Lindenberg sang damals: „In 15 Minuten sind die Russen auf dem Kurfürstendamm!“ Im Westen sah man immer den Ostberliner Fernsehturm und man witzelte, dass die DDR-Bürger gerne hoch auf den Fernsehturm fahren, in der Hoffnung, dass er mal umkippt – dann wären sie nämlich im Westen gewesen. Und Antikommunisten machten Witze über das Kreuz am Fernsehturm, das immer durch eine Spiegelung der Sonne zu sehen war und nannten das: „Die Rache Gottes!“ Man munkelte, dass die DDR-Regierung für viel Geld Heerscharen von Spezialisten aus aller Welt beauftragt hatte, die das „Kreuz Gottes“ eliminieren sollten. Doch ohne Erfolg – das Kreuz sieht man heute noch!
Ich liebe den Berliner Humor und belauschte einmal bei einer alten Nachbarin, wie sie einen Besucher fragte: "Darf ick Sie een Wasser anbieten?" Daraufhin entgegnete ihr der Besucher: "Wasser? Ick bin doch nich schmutzig – ick habe Durscht!"
Durch solche und noch viele andere Erlebnisse entstand eine enge Bindung zu den Menschen und der Stadt für mich.
Warum Berlin die größte Stadt Deutschlands ist? Hier verrate ich es: Nachdem man sich bei der Meldestelle angemeldet hat und den Berliner Pass erhalten hat, ist man Berliner. Selbst mit schwäbischen oder münsteraner Dialekt. Kein Berliner schaut einen Zugereisten argwöhnisch an und fragt misstrauisch: „Sie sind aber nicht von hier?“ Nein! Vom ersten Tag an ist man Berliner. Das ist ein wunderschönes Gefühl und erfüllt einen mit Stolz, in so einer so interessanten Stadt wohnen zu dürfen. Jeder, der hier gemeldet ist, ist Berliner. Ob aus Münster oder Kamtschatka. Man muss nicht zwangsläufig in Berlin geboren sein, um Berliner zu sein. Die berühmtesten Berliner waren ebenso wie ich zugereist: Heinrich Zille kam aus Sachsen, Claire Waldoff aus Gelsenkirchen, Bertolt Brecht aus Augsburg und Käthe Kollwitz aus Königsberg. Und das ist seit Hunderten von Jahren so, sonst wäre die zeitgeschichtlich noch relativ junge Stadt nicht so schnell groß geworden. Das ist in Städten wie Stuttgart, München oder Köln nicht so. Dort ist man noch nach 50 Jahren ein „Ein Reigschmeckter“ (Stuttgart), „a Preiß“ (München) oder „Enne Immi“ (Köln). Das spricht für die Toleranz und Weltoffenheit der Berliner, deren Vorfahren ja auch meist Hugenotten waren oder aus anderen Regionen kamen.
Bis 1989 gab es für mich nur Partys und die Luft war reiner Alkohol beziehungsweise aus anderen Stimulanzien. Man ging auf die zahlreichen Hausbesetzerpartys oder in die Nürnberger Straße, wo sich der angesagteste Club der Stadt befand, in den Dschungel, wo man dann plötzlich unverhofft neben David Bowie und/oder Iggy Pop (die damals in der Schöneberger Hauptstraße wohnten) stand. Und landete nach durchtanzter Nacht dann meist morgens um acht noch in der berühmt-berüchtigten Berlin-Bar.
Das damalige Lebensgefühl war wie der Tanz auf einem Vulkan, vergleichbar wie im Berlin der 20er Jahre. Trotzdem stellte ich jährlich in der größten Kunstausstellung Europas, der FBK (Freie Berliner Kunstausstellung) meine Bilder aus und sogar in Wim Wenders Filmmeisterwerk „Der Himmel über Berlin“ durfte ich mitspielen – für mich hätte es noch Jahrzehnte so weitergehen können.
Doch dann kam die Maueröffnung und damit auch die Ernüchterung und ehe man es sich versah, waren in Westberlin alle Subventionen gestrichen und damit auch die Berlin-Zulage und die FBK. Und es kam noch schlimmer. Alles wurde teurer und die Mieten stiegen explosionsartig. Dadurch gab es keine billigen Atelierräume mehr und wir Künstler waren plötzlich die Verlierer der Wende. Als Reaktion darauf gab ich ein bedrucktes T-Shirt mit dem Text „Ick will meine Mauer wieder ham!“ heraus, das der absolute Bestseller wurde, und ein unverhoffter Geldregen brach auf mich herein.
Langsam gewöhnte man sich daran, dass Berlin sich verdoppelt hatte. Ostberlin war plötzlich schick geworden und alles spielte sich dort ab. Der Westteil der Stadt verödete etwas.
Im Jahre 1991 saß man dann plötzlich vor dem Palast der Republik auf dem damaligen Marx-Engelsplatz (heute Schlossplatz), direkt unter dem Staatswappen der ehemaligen DDR auf der VIP-Tribüne, trank Bier und sah einer damals noch unbekannten Theatertruppe zu. Es war keine Geringere als "Royal de Luxe" (die mit den Riesen) aus Frankreich, und sie spielten vor 20.000 Zuschauern "La Veritable Histoire de France".
Heute bin ich (als alter Charlottenburger) froh, dass der Osthype wieder etwas nachgelassen hat und durch Zoo-Palast, Bikini-Haus und Waldorf-Astoria die City West schwer im Kommen ist.
Und noch etwas: Auch den schönsten Tag meines Lebens verdanke ich Berlin. Nachdem ich mir aus wirtschaftlichen Gründen 2008 den Künstlernamen „Graf von Blickensdorf“ zugelegt hatte, schrieb ich das Buch „Werden Sie doch einfach Graf!“ und mein Verlag hatte die Buch-Premiere in das Hotel Adlon gelegt. Es war ein heißer Septembertag, und ich sollte als PR-Gag mit einem standesgemäßen Mercedes Benz von 1953 vor dem Hotel vorfahren. Es sollte so aussehen, als wenn der Graf gerade von seinem Sommersitz „Gut Dünken“ nach Berlin kommt. Da der Verlag aber nicht so viel Geld dafür ausgeben wollte, wurde die Nobelkarosse nur für eine Stunde gemietet. Was zur Folge hatte, dass ich mit meinem alten Miele-Fahrrad, das ich zuweilen ITS nenne (Abkürzung von „Ich Trete Selbst“), zum Café Einstein Unter den Linden radeln musste. Nach einer Weile kam die vom Verlag bestellte schneeweiße Limousine mit selbstgemalter Familienwappenstandarte am Kotflügel vor dem Café vorgefahren. Mir wurde vom Chauffeur der Wagenschlag aufgehalten, ich stieg wie Graf Koks unter den Augen der staunenden Passanten ein, und wir fuhren die paar Meter bis zum Hotel Adlon, wo ich von dem vom Verlag mit Papierfähnchen mit meinem Familienwappen ausgestatteten Publikum frenetisch winkend begrüßt wurde. Pressefotografen fotografierten um ihr Leben und plötzlich kamen auch noch zahlreiche Touristen hinzu, weil sie dachten, Prinz Charles wäre gerade eingetroffen, so dass ich Mühe hatte, durch die Menschenmenge über den roten Teppich den Hoteleingang zu erreichen.
Es wurde für mich ein unvergesslicher Tag, für den ich meiner großen Liebe Berlin immer und ewig dankbar sein werde. Und Marlene Dietrich sang: “Wenn keiner treu Dir bliebe, ich bleib‘ Dir ewig grün!“
Ich dir auch!


Eintrag vom 04.11.2014


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