Wolfgang Bahro: "Auf die Frage des Grenzsoldaten, ob wir Waffen mit uns führen würden, antwortete mein Vater: Wieso? Braucht man hier welche?"

Berliner Prominente und Persönlichkeiten schreiben exklusiv für die Gendarmenmarkt.de-Kolumne "Mein Berlin" über ihre Erlebnisse, Gefühle und Gedanken in und mit der deutschen Hauptstadt. Diesmal: Wolfgang Bahro, Schauspieler, Soap-Star ("GZSZ"), Kabarettist, Synchron- und Hörspielsprecher.
Die Hauptstadt treibt Wolfgang Bahro an und um – auch in seinem Kabarett-Programm "Berliner Seitensprünge". Fotos: © Paul Partyzimmer


Von Wolfgang Bahro

Berlin. Mein Berlin. In Wilmersdorf geboren. Aufgewachsen in Charlottenburg und Spandau. Und gelebt, geliebt und geheiratet in Berlin. Ick bin ein Berliner. Das kann ich auch ohne amerikanischen Akzent mit Fug und Recht von mir behaupten. Einer der wenigen... sagt man. Allerdings bin ich ein West-Berliner. Die Mauer wurde gebaut, da war ich gerade ein Jahr alt. Für mich war sie immer präsent. Einen großen Teil meines Lebens. Anders als meine Eltern sah ich sie als gegeben an. Die DDR war für mich ein souveräner Staat wie Österreich oder die Schweiz, in dem man zwar deutsch sprach, aber sonst nicht viel mit ihm gemeinsam hatte. Besonders deutlich wurde das immer, wenn wir mit dem Auto in die Lüneburger Heide zu meiner Tante fuhren und dabei das Staatsgebiet der DDR passieren mussten. Einmal ließ sich mein Vater an der Grenze zu einer Äußerung hinreißen, die uns dann eine Wartezeit von drei Stunden und eine peinliche Untersuchung unseres Wagens bescherte. Auf die Frage des sächsischen Grenzsoldaten, ob wir irgendwelche Waffen oder Funkgeräte mit uns führen würden, antwortete mein Vater: „Wieso? Braucht man hier welche?“

Aber das ist glücklicherweise Geschichte. Wenn ich jetzt so durch mein Berlin fahre, sehe ich, wie diese Stadt sich gewandelt hat und ständig im Wandel begriffen ist.

Als Kind habe ich erlebt, wie die letzte Straßenbahn durch unsere Straße fuhr. Geschmückt mit Girlanden und Luftballons. Und die Berliner standen am Straßenrand und winkten den Leuten in der Bahn zu. Heute sind es der Christopher-Street-Day und der Karneval der Kulturen, die von den Berlinern am Straßenrand bejubelt werden.

Spaziere ich durch die alten Straßen meiner Kindheit, der Tauroggener-, der Danckelmann- und der Adamstraße, spüre ich an jeder Ecke, an jedem Haus, an jeder Laterne, warme und glückliche Erinnerungen. Mein Berlin.

Der Ostteil meiner Stadt ist auch nach 25 Jahren noch wie ein neues Land, in dem es viel zu entdecken gibt. Erst neulich stand ich plötzlich neben einem Bärenzwinger. Mitten in der Stadt. Mit echten Bären. Der Bärenzwinger am Köllnischen Park in Ostberlin. Ich hatte vorher noch nie davon gehört. Aber natürlich gibt es auch im ehemaligen Westberlin viele Dinge, die ich noch nie gesehen habe oder von denen ich keine Ahnung habe. So erfuhr ich auch durch Zufall, dass einer der größten Hindu Tempel hier in Berlin Neukölln in der Hasenheide steht. Der Sri Ganesha Hindu Tempel. Auch das gehört zu meinem Berlin. Die Vielfalt an unterschiedlichen Volksgruppen und Religionen. Seit den Zeiten des alten Fritz, als dieser verkündete: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden!“ hat sich Berlin die Toleranz gegenüber anderen Völkern und Religionen auf die Fahne geschrieben. Und als echter Berliner ist das auch meine Lebenseinstellung.

Aber was mir an dieser Stadt wirklich am meisten gefällt, ist ihr Humor. Der Berliner Humor ist sprichwörtlich und fast so berühmt wie die Berliner Höflichkeit ... 'schuldigung – das war ein Witz.
Vor einiger Zeit war ich auf dem Kunstmarkt am 17. Juni und kaufte dort eine Plastik, die ich einem Freund zum Geburtstag schenken wollte. Dieser Freund ist ein begeisterter Motorradfahrer und so erstand ich einen Motorradfahrer aus Metall. Er war kunstvoll aus verschiedenen Metallteilen zusammengeschweißt. Sah zwar etwas skurril aus, aber ich fand ihn sehr schön. Auf dem Weg zu meinem Auto begegnete mir ein typischer Berliner Rentner, der seinen Dackel Gassi führte. Er sah meine Plastik und fragte: „Wat ham Sie denn da?“ Ich antwortete: „Einen Motorradfahrer!“ Darauf der Rentner: „Nur schade, dass er Ihnen runterjefallen is, wa?“

Gerade weil mich dieser trockene Humor der Berliner so fasziniert, habe ich mein Berlin-Programm „Berliner Zeitensprünge“ geschrieben, in dem ich durch 100 Jahre Berliner Geschichte sause. Anhand der politischen Witze und Kabarettisten, die in dieser Stadt bekannt wurden, zeige und spiele ich, worüber sich die Berliner lustig gemacht haben. Aufgelockert durch Chansons und Lieder, die das Berliner Lebensgefühl wiedergeben.

Ich könnte mir einfach nicht vorstellen, in einer anderen deutschen Stadt zu leben, als in Berlin.



Eintrag vom 06.12.2014


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