Neues aus Gut Dünken: Teil 3. "Mit stoischen Gesichtern bevölkern sie unsere Stra­ßen, Plätze und öffentlichen Verkehrsmittel."

In seiner Gendarmenmarkt.de-Kolumne berichtet der Graf über sich und Berlin. Anekdoten vom Hof und Hinterhof in Text, Vers oder Zeichnung.
Mit dem "British Style" lag er bisher nie daneben. Bei uns verrät Lo Graf von Blickensdorf, welche modischen Entgleisungen bei ihm Schnappatmung verursachen – und wie man solche Fehltritte leicht vermeidet. © Nina Ernst


Kleidung adelt

von Lo Graf von Blickensdorf

Früher gehörte es noch zum guten Ton, dass man am Abend keine braunen Schuhe mehr tragen darf. Diese Regel stammt aus England und ist in der heutigen schnellle­bigen Zeit überhaupt nicht mehr anwendbar. Was mache ich, wenn ich um 17:50 Uhr mit braunen Schuhen aus einem verspäteten Meeting komme, aber um 18 Uhr schon wieder eine Verabredung im Hilton habe? Sich entleiben? Gute Güte! Nein! Das muss nicht sein. Vieles hat sich heute geändert. Aber deshalb muss man nicht zu Geschmacksverirrungen greifen. Zum Beispiel sehen die Leute mit ihren Fjällräven-  und Jack-Wolfskin-Jacken aus, als kämen sie gerade vom Nanga Parbat. Dabei hängen die Läden voll mit schönen Kaschmir- und Kamelhaarmänteln, die für unsere Breitengrade angemes­sen sind.
Es geht sogar noch schlimmer: Im Frühjahr kommen sie immer aus ihrem Winter­schlaf. Plötzlich sind sie da. Wer kennt sie nicht? Ich meine diese grauhaarigen ge­standenen Männer mittleren Alters in kurzen geblümten oder gestreiften Boxershorts aus dünner Baumwolle, die wie Unter­hosen aussehen, das karierte Oberhemd streng bis zum obersten Knopf zugeknöpft, aber dafür unten in die Shorts gestopft, dazu die mehlweißen Krampfaderbeine, die in grauen Socken und braunen Sandalen stecken. In den Händen tragen sie meist eine Lidl- oder Aldi-Plastiktüte. Mit stoischen Gesichtern bevölkern sie so unsere Stra­ßen, Plätze und öffentlichen Verkehrsmittel. Dieser Anblick führt bei mir unweigerlich zur Schnappatmung. Geht es Ihnen auch so? Oder gehö­ren Sie etwa auch zu den gerade beschriebenen "Herren"?
Wenn ja, empfehle ich Ihnen ein gutes Herrenoberbekleidungsgeschäft. Dort be­kommen Sie alles, was der gepflegte Herr so braucht. Und kostenlose fachliche Be­ratung obendrein. Jedoch sollten Männer meines Alters auf gewisse Kleidungsstücke und Accessoires verzichten. Dazu gehören Kapuzenshirts, T-Shirts, Turnschuhe (außer zum Sport), verwaschene Vintage-Jeans mit designten Löchern, Cargohosen oder besagte Shorts, sowie Piercings und Tattoos. Das ist jungen Leuten vorbehal­ten, die zur Selbstfindung erst einmal alle Moden ausprobieren müssen. Das ist gut und wichtig.
Doch kommen wir wieder zu meinen Altersgenossen. "Eleganz hat nichts mit Mode zu tun", sagte schon der große Karl Lagerfeld. Auch mein alter Freund Götz Alsmann ist ein Vorbild für mich, den ich seit den Siebziger Jahren kenne und den ich noch nie in einer Blue-Jeans oder Turnschuhen gesehen habe, geschweige denn im Hochsommer mit kurzen Hosen. Auch nicht privat. "Ein wahrer Gentleman ist ein Herr, der sich sogar dann, wenn er allein ist, der Zuckerzange bedient," schrieb schon der französische Schriftsteller Alphonse Allais.
 
Ich persönlich kleide mich gern im "British Style". Dieser zeitlose Kleidungsstil ist mit seinen ro­busten Tweed-Sakkos und derben Cordhosen sehr alltagstauglich, nicht ganz so overstyled, und man ist dennoch gut gekleidet. Mittlerweile gibt es in Berlin ein gutes Dutzend solcher Fachgeschäfte, die einen bei Unsicherheit hervorragend beraten. Ein junger bärtiger Hipster-Typ, der neulich neben mir in der S-Bahn saß, sagte zu mir: "Hey, mir gefällt dein Style." Das war für mich ein großes Kompliment und zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
Dennoch – in Berlin, mit den am schlechtesten gekleideten Hauptstädtern Europas, ist es lei­der immer noch eher von Nachteil, gut gekleidet zu sein. Ich postete einmal bei Facebook  anläss­lich eines Berlinale-Empfangs ein Foto mit weißer Fliege zu einem Smoking-Jacket und wurde prompt kritisiert. Eine Facebookerin aus Berlin schrieb dazu: "Frack­schleife????? Ist das nicht etwas übertrieben?" Hätte ich mich in einem braunen Kartoffelsack gezeigt, hätte die Facebookerin wahrscheinlich auf "Gefällt mir" ge­klickt. Ich antwortete ihr augenzwinkernd, dass ich mit meiner "übertriebenen" Klei­dung Berlins schlechte Kleidungsstatistik etwas verschönere.
Ich würde zum Beispiel NIE (!) in schmutzigen Turnschuhen und zerrissenen Blue-Jeans in die Oper gehen! Ein angemessenes gepflegtes Erscheinungsbild würdigt die Werke der Künstler. Das hat etwas mit Wertschätzung zu tun. Schließlich geht man zu seinem Schwarm beim ersten Rendezvous auch nicht in den allerältesten Plörren. Die Außenseite eines Menschen ist das Titelblatt des Innern, sagt ein altes Sprichwort. Und dass man sich regelmäßig wäscht und nicht die schlechten Eigenge­rüche lediglich mit einem Deodorant übertüncht, nur weil da "48-Stunden-Deo" drauf­steht, versteht sich eigentlich von selbst.
Gute Kleidung und angenehmer Körpergeruch ist Rücksichtnahme auf andere Men­schen. Und da sind wir wieder beim guten Benehmen. Ich erfreue mich gerne an gutgekleideten Menschen. Das ist wie bei Blumen: Stellen Sie sich einmal vor, liebe Männer, Sie wären eine Rose. Alle umschwärmen Sie, reden gut über Sie und 96% aller Menschen lieben Sie. Sind Sie dagegen ein hässliches Unkraut, lieben Sie nur 5% der Menschen. So ist das nun mal. Und will nicht jeder geliebt werden?
Leute, die schlecht gekleidet sind und glauben "cool" zu sein vergessen schnell, dass sie dadurch Nachteile ha­ben, weil sie schlechter wahrgenommen werden, als gepflegte und geschmackvolle Persönlichkeiten. Kleider machen Leute eben. Als ich noch als junger Künstler aus­schließlich schwarze Kleidung trug, wie bei Künstlern, Werbeleuten und Zuhältern üblich, wurde ich in Geschäften kaum wahrgenommen und musste feststellen, dass Kunden, die den Laden nach mir betreten haben, vor mir bedient wurden. Ich wirkte durch meine unscheinbare Kleidung wie unsichtbar! Als ich dann eines Tages wie ein englischer Gentleman mit Tweed-Sakko, Seidenkrawatte, Einstecktuch und Buda­pester Schuhen dieselbe Fleischerei wie früher betrat, wurde ich plötzlich behandelt, als würde gerade der König von Taka-Tuka-Land dem Laden seine Aufwartung ma­chen und bekam sogar vom Fleischermeister persönlich eine luftgetrocknete Mett­wurst geschenkt!
Sollten einige Leser dieser Kolumne einmal für sich zurückdenken und feststellen, dass ihr bisheri­ges Leben nicht ganz so in den gewünschten Bahnen verlaufen ist, wäre es eine Überlegung wert, einmal über seine Kleidung nachzudenken. Vielleicht liegt's ja tatsächlich an Ihren schrecklichen kurzen Hosen?
Also, liebe Männer in den besten Jahren, tun Sie mir bitte einen großen Gefallen und sorgen Sie dafür, dass ich diesen Sommer keine Schnappatmung bekomme!



Eintrag vom 30.03.2015


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