"Das ist ein sündhaft blauer Tag! Die Luft ist klar und kalt und windig…" (Kurt Tucholsky)

Es wird kühler, die Sonne schimmert zaghaft hinter den Wolken hervor: Jetzt kommen Herbst und Winter. Und der Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte präsentiert sich majestätisch wie eh und je. Wir zeigen eine Bilderauswahl, garniert mit Worten großer Poeten. Dürfen wir auch Ihre Werke veröffentlichen? Senden Sie Ihre Fotos und Herbstgedanken bitte an: office@gendarmenmarkt.de
Gelbes Blättermeer vor dem Französischen Dom. © K. Poehls

Schöner Herbst
Kurt Tucholsky
 
Das ist ein sündhaft blauer Tag!
Die Luft ist klar und kalt und windig,
weiß Gott: ein Vormittag, so find ich,
wie man ihn oft erleben mag.
 
Das ist ein sündhaft blauer Tag!
Jetzt schlägt das Meer mit voller Welle
gewiß an eben diese Stelle,
wo dunnemals der Kurgast lag.
 
Ich hocke in der großen Stadt:
und siehe, durchs Mansardenfenster
bedräuen mich die Luftgespenster ...
Und ich bin müde, satt und matt.
 
Dumpf stöhnend lieg ich auf dem Bett.
Am Strand war es im Herbst viel schöner ...
Ein Stimmungsbild, zwei Fölljetöner
und eine alte Operett!
 
Wenn ich nun aber nicht mehr mag!
Schon kratzt die Feder auf dem Bogen –
das Geld hat manches schon verbogen ...
Das ist ein sündhaft blauer Tag!



© K. Poehls

Herbsttag
Rainer Maria Rilke

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, 
Und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; 
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage, 
Dränge sie zur Vollendung hin und jage 
Die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. 
Wer jetzt allein ist,  wird es lange bleiben, 
Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben 
Und wird in den Alleen hin und her 
Unruhig wandern,  wenn die Blätter treiben.



© K. Poehls
Spätherbst
Theodor Fontane
 
Schon mischt sich Rot in der Blätter Grün, 
Reseden und Astern im Verblühn, 

Die Trauben geschnitten, der Hafer gemäht, 
Der Herbst ist da, das Jahr wird spät.

Und doch (ob Herbst auch) die Sonne glüht – 
Weg drum mit der Schwermut aus deinem Gemüt! 

Banne die Sorge, genieße, was frommt, 
Eh Stille, Schnee und Winter kommt.






© K. Poehls
Oktoberlied
Theodor Storm
 
Der Nebel steigt, es fällt das Laub; 
Schenk ein den Wein, den holden! 
Wir wollen uns den grauen Tag 
Vergolden, ja vergolden! 
Und geht es draußen noch so toll, 
Unchristlich oder christlich, 
Ist doch die Welt, die schöne Welt, 
So gänzlich unverwüstlich! 


Und wimmert auch einmal das Herz - 
Stoß an und laß es klingen! 
Wir wissen's doch, ein rechtes Herz 
Ist gar nicht umzubringen. 

Der Nebel steigt, es fällt das Laub; 
Schenk ein den Wein, den holden! 
Wir wollen uns den grauen Tag 
Vergolden, ja vergolden! 

Wohl ist es Herbst; doch warte nur, 
Doch warte nur ein Weilchen! 
Der Frühling kommt, der Himmel lacht, 
Es steht die Welt in Veilchen. 

Die blauen Tage brechen an, 
Und ehe sie verfließen, 
Wir wollen sie, mein wackrer Freund, 
Genießen, ja genießen!


Eintrag vom 05.10.2017


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